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Botulinumtoxin (Botox®) in der Zahnarztpraxis: Schritt-für-Schritt zur ersten Masseter-Injektion

  • 21. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Juni

Die erste Botulinumtoxin-Injektion in den Masseter ist für viele Zahnärzte ein Moment, der sich anfühlt wie ein Schritt ins Unbekannte. Dabei ist die Anatomie vertraut, die Nadel klein und der Eingriff – richtig gelernt – einer der dankbarsten in der ganzen Praxis.

Patienten merken nach wenigen Wochen, dass die Schmerzen nachlassen. Der Kiefer entspannt sich. Manchmal hören sie auf zu knirschen – zum ersten Mal seit Jahren.

Dieser Artikel führt dich durch den gesamten Ablauf: von der richtigen Patientenauswahl bis zur Nachkontrolle. Nicht als Ersatz für eine Fortbildung mit Hands-on-Training – sondern als Orientierung, was dich erwartet.



Schritt 1: Die richtige Indikation für Botulinumtoxin bei CMD stellen

Nicht jeder Bruxismus-Patient ist ein Kandidat für Botulinumtoxin. Bevor du die Spritze ansetzt, brauchst du eine klare klinische Grundlage.

Geeignete Patienten:

  • Myogener Bruxismus mit nachweisbarer Masseter-Hypertrophie oder -Hyperaktivität

  • CMD mit muskulärer Schmerzkomponente (myogene CMD)

  • Patienten, bei denen konservative Maßnahmen (Schiene, Physiotherapie) nicht ausreichend gewirkt haben

  • Wachbruxismus – hier ist die Evidenz besonders gut

Weniger geeignet oder Kontraindikationen:

  • Rein artikuläre CMD ohne muskuläre Beteiligung

  • Schwangerschaft und Stillzeit

  • Neuromuskuläre Erkrankungen (z. B. Myasthenia gravis, ALS)

  • Einnahme von Aminoglykosid-Antibiotika (verstärken die Toxinwirkung)

  • Aktive Infektion im Injektionsgebiet

Ein wichtiger Grundsatz: Botulinumtoxin ersetzt keine Diagnostik. Die Indikation ergibt sich aus einem vollständigen Funktionsbefund – nicht aus dem Wunsch des Patienten, „mal Botox zu probieren".



Schritt 2: Aufklärung – was Du Deinem Patienten für eine Botulinumtoxin (Botox®) Behandlung bei CMD/Bruxismus erklären musst

Die Aufklärung ist kein Formalismus. Sie ist der Moment, in dem du den Grundstein für realistische Erwartungen legst.

Was der Patient wissen muss:

  • Es handelt sich um einen Off-Label-Use – Botulinumtoxin ist für Bruxismus in Deutschland nicht offiziell zugelassen. Das musst du explizit benennen.

  • Die Wirkung setzt nach 7–14 Tagen ein und hält etwa 3–6 Monate an.

  • Eine Nachbehandlung ist nach 4–6 Monaten in der Regel notwendig.

  • Mögliche Nebenwirkungen: vorübergehende Schwäche beim Kauen, leichtes Druckgefühl, selten Hämatom an der Einstichstelle.

  • Die Behandlung ist nicht reversibel – aber zeitlich begrenzt.

  • Kosmetischer Nebeneffekt: Bei ausgeprägter Masseter-Hypertrophie kann sich das Gesicht verschmälern. Das können Patienten als angenehm oder störend empfinden – sprich es an.

Lass dir die Aufklärung schriftlich bestätigen. Ein ordentlicher Aufklärungsbogen schützt dich – und zeigt dem Patienten, dass du das ernst nimmst.



Schritt 3: Vorbereitung und Material für Botulinumtoxin (Botox®) bei CMD/Bruxismus

Was du brauchst:

  • Botulinumtoxin A (z. B. Botox® / Vistabel®, Dysport®, Xeomin®) – Dosierung je nach Präparat unterschiedlich

  • NaCl 0,9 % zur Rekonstitution

  • Insulinspritze oder spezielle Botox-Spritze (30–31 G, kurze Nadel)

  • Hautdesinfektionsmittel

  • Anatomische Markierung (Stift oder Handschuh)

Lagerung: Botulinumtoxin muss bis zur Verwendung gekühlt gelagert werden (2–8 °C). Nach Rekonstitution innerhalb von 4–8 Stunden verwenden.

Eine wichtige Entscheidung vorweg: Welches Präparat? Die Einheiten sind nicht 1:1 übertragbar zwischen Botox®, Dysport® und Xeomin®. Eine Verwechslung der Dosierung ist ein klassischer Anfängerfehler. Lern mit einem Präparat – und bleib dabei, bis du sicher bist.



Schritt 4: Anatomie kennen – die Landmarken des Masseters

Der Musculus masseter ist ein zweiköpfiger Kaumuskel. Er entspringt am Arcus zygomaticus und setzt am Ramus mandibulae an. Er liegt direkt unter der Haut – tastbar, gut erreichbar.

Die drei Zonen des Masseters (vereinfacht):

  • Pars superficialis – der größte, klinisch relevanteste Anteil, direkt unter der Haut

  • Pars profunda – tiefer gelegen, liegt der Mandibula an

  • Übergangszone zur Parotis – hier ist Vorsicht geboten

Was du vermeiden musst:

  • Injektion in die Parotis → kann vorübergehend Speichelfluss verändern

  • Injektion zu weit anterior → Risiko einer Schwächung des Musculus zygomaticus → unerwünschte Veränderung der Mimik

  • Injektion zu weit superior → Nähe zum Arcus zygomaticus und temporalen Strukturen

Die sichere Injektionszone liegt im unteren Drittel des Masseters, gut einen Querfinger vom Unterkieferrand entfernt, im kräftigsten tastbaren Muskelbauch.




Schritt 5: Die Injektion – Technik und Dosierung bei Botulinumtoxin (Botox®) in der Zahnmedizin

Lagerung des Patienten: Sitzend oder leicht rekliniert, Kopf leicht zur Gegenseite gedreht.

Lokalisation: Bitte den Patienten, die Zähne fest aufeinanderzubeißen. Der Masseter kontrahiert und wird deutlich tastbar. Markiere den kräftigsten Punkt mit dem Finger – das ist dein primärer Injektionspunkt.

Technik:

  1. Haut desinfizieren und kurz einwirken lassen

  2. Nadel in einem Winkel von 90° zur Haut einführen – direkt in den Muskelbauch

  3. Aspirieren (kurz zurückziehen des Kolbens) – kein Blut → weiter injizieren

  4. Botulinumtoxin langsam injizieren

  5. Nadel zurückziehen, kurz sanft auf die Einstichstelle drücken

Anzahl der Injektionspunkte: In der Regel 2–3 Punkte pro Seite, verteilt über den Muskelbauch, um eine gleichmäßige Diffusion zu erzielen.

Dosierung (orientierend, für Botox® / onabotulinumtoxinA):

  • Pro Masseter: 20–50 Einheiten – je nach Muskelmasse und klinischer Ausprägung

  • Einstieg: lieber konservativ (20–25 E pro Seite) und bei der Nachkontrolle anpassen

  • Beim Temporalis (wenn indiziert): 10–20 Einheiten pro Seite, aufgeteilt auf 2–3 Punkte entlang des Muskelbauchs

Hinweis: Diese Angaben sind Orientierungswerte. Die genaue Dosierung lernst du in einer strukturierten Fortbildung mit klinischer Supervision – nicht aus einem Blogartikel.




Schritt 6: Nachkontrolle und Follow-up bei der Botulinumtoxin (Botox®) Behandlung in der Zahnmedizin

Nach 2 Wochen: Erste Kontrolle – Wirkung eingetreten? Wie stark? Asymmetrien? Unerwünschte Effekte?

Was du beurteilst:

  • Subjektives Befinden des Patienten (Schmerzen, Kaukomfort)

  • Muskeltonus und -volumen klinisch tastbar

  • Mimik unauffällig?

  • Ggf. Nachinjektion bei unzureichender Wirkung

Nach 4–6 Monaten: Wenn die Wirkung nachlässt, plant ihr gemeinsam die nächste Behandlung. Manche Patienten berichten, dass nach mehreren Behandlungszyklen die Symptome auch in den Intervallen besser werden – ein Hinweis auf neuromuskuläre Umbauprozesse.

Dokumentiere jeden Behandlungsschritt sorgfältig: Dosis, Injektionspunkte, Charge des Präparats, Patientenreaktion. Das ist nicht nur rechtlich klug – es hilft dir, deine eigene Technik systematisch zu verbessern.




Botulinumtoxin (Botox®) Behandlung in der Zahnmedizin:

Fazit: Einfacher als gedacht – aber nur mit solider Grundlage

Die Masseter-Injektion ist technisch kein komplizierter Eingriff. Die Anatomie kennst du. Die Nadel ist kleiner als vieles, was du täglich machst.

Was den Unterschied macht, ist das klinische Urteilsvermögen: die richtige Patientenauswahl, die realistische Aufklärung, die sichere Dosierung und das konsequente Follow-up.

All das lässt sich lernen – nicht aus Artikeln, sondern mit der Nadel in der Hand, unter Supervision von jemandem, der es selbst tausende Male gemacht hat.

Genau das ist das Konzept der Orofacial Academy.


Dr. Moritz Dyck und Dr. Dr. Nicolas Noetzel & sind Gründer der Orofacial Academy. In ihren Hands-on-Kursen lernen Zahnärzte die therapeutische Anwendung von Botulinumtoxin bei Bruxismus und CMD – unter direkter Supervision, mit echten Patienten.

 
 
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